CHRISTIANE BAUMGARTNER
Grundthema meiner Arbeiten ist die Divergenz von Geschwindigkeit und Stillstand.
Die gewählte Technik ist Holzschnitt auf der Basis ausgewählter Videostills. Somit wird die erste und langsamste Reproduktionstechnik mit der letzten und schnellsten kombiniert.
Während ich bisher bewegte Körper mit der stillstehenden Kamera aufgenommen habe, bin ich nun dazu übergegangen, während der Bewegung bzw. während einer Fahrt aufgenommene Sequenzen zu nutzen und mit fotografischer Genauigkeit im Linienraster in Holz zu schneiden und auf Japanpapier zu drucken. Somit wird ein Prozess der Umwandlung des Immateriellen ins Materielle ausgelöst. Wichtig ist zum einen der Vorgang der künstlichen Verlangsamung des Ablaufs, bedingt durch die zeitaufwendige Technik, zum anderen die scheinbar völlig abstrakte aber lebendige Lineatur des Holzschnittes, welche sich erst im Kopf zum Bild fügt.
Das Videomaterial der Arbeiten »Dresden«, »Göteborg«, »Duisburg« und »Rostock«, welche ich zur Tallinn Print Triennale zeige, wurde von mir im letzten Jahr auf europäischen Autobahnen aufgenommen. Während der letzten 3 Jahrzehnte, vollzog sich eine weitreichende Veränderung innerhalb unserer Infrastruktur: Straßen gliedern Landschaften neu, zerteilen Gebiete und verknüpfen Ortschaften, bilden eigene Netze mit spezieller Logistik.
Autos rasen in voneinander entgegengesetzten Richtungen aneinander vorbei und suggerieren ein Gefühl von Freiheit verheißender Mobilität und Selbstbestimmung. Selbst zum Zurücklegen kleinster Entfernungen wird das eigene Fahrzeug genutzt.
»Mit dem Bedürfnis nach ständigem Umherreisen liegt die Beständigkeit des Lebens schließlich im Ortswechsel selbst.« [ 1 ]
Ein ständiges Streben nach höherer Geschwindigkeit scheint hierbei natürlich.
Paul Virilio beschreibt in seinen Essays verschiedene Revolutionen der Geschwindigkeit: Auf die erste, welches die Beschleunigung eines statischen Körpers ist (z.B. ein geworfener Stein, oder eine von Pferden gezogene Kutsche) ergibt sich Dank des technischen Fortschritts die Möglichkeit, Maschinen zu bauen, die selbst Geschwindigkeit hervorbringen (z.B. Kanonenkugeln, Flugzeuge). Jetzt leben wir im Zeitalter der Nutzung von Lichtgeschwindigkeit und erfahren eine Situation, in der unsere Kultur und Identität so von Geschwindigkeit überholt worden sind, dass unsere begrenzten Sinne dem Tempo der Informationsübertragung nicht mehr entsprechen.
»Die von den Echtzeit-Technologien ausgelöste Revolution beschränkt sich nicht auf die bloße Beschleunigung der Informationsübertragung; sie bietet zugleich eine völlig neue Weltanschauung, einen völlig neuen Zugang zur Welt, die künftig durch ein neues, indirektes Licht erhellt wird. Überwachung durch Videokameras und weltumspannende Datennetze machen es möglich, in Echtzeit zu sehen und zu wissen, was am anderen Ende der Welt geschieht.« [ 2 ]
Und als merkwürdiges Paradox zum Beginn des 3. Jahrtausend beschreibt Virilio; dass der Mensch, der diesen technischen Wirbel eigentlich entfesselt hat, letztlich selbst zum Stillstand kommen wird. »Die Echtzeit-Technologien von morgen, versprechen uns, interaktiv zu sein…Im dritten Jahrtausend werden wir die Möglichkeit haben, hier zu bleiben und gleichzeitig woanders zu sein.« [ 3 ]
[ 1 ] Gaston Ragout, zitiert von Paul Virilio in: Die Ästhetik des Verschwindens, Berlin: Merve Verlag 1986, S.79.
[ 2 ] Paul Virilio, Revolution der Geschwindigkeit, Berlin: Merve Verlag 1993, S.12.
[ 3 ] Ibidem, S.14.